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Der Klang des Kupfers
Güzin Bakışoğlu

Der Klang des Kupfers

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Es ist Mai und es hat mich mal wieder nach Gaziantep gezogen. Gestern noch war die Sonne spärlich, heute wärmt sie großzügig die ganze Stadt mit ihren Strahlen. Ein wunderschöner blauer Himmel lädt zu einem Spaziergang ein. Ich nehme die Einladung an und bin auf dem Weg zu dem berühmten Markt der Kupferschmiede. Die Stadt ist schon seit Stunden wach, die Händler haben ihre Läden geöffnet und buntes Treiben auf den Straßen empfängt mich.

Ich schlendere durch die Straßen und freue mich auf die Eindrücke, die mich auf dem berühmten historischen Markt erwarten.

 

Aber bevor wir unsere Reise zum Markt der Kupferschmiede fortsetzen, möchte ich Ihnen noch einiges Wissenswertes über diesen Markt erzählen. Seit dem 16. Jahrhundert befindet sich der Markt der Kupferschmiede an dieser zentralen Stelle der Stadt, unterhalb der Burg und bildet einen eigenen Bezirk zwischen den verschiedenen Handwerksbetrieben des historischen Handelszentrums. Gegenstände aus Kupfer, hergestellt in Gaziantep genossen schon immer einen besonderen Ruf und die Nachfrage war entsprechend groß.

 

Die unzähligen eng aneinander stehenden, einstöckigen Läden des Marktes stammen vermutlich aus dem 19. Jahrhundert und wurden in den letzten Jahren authentisch restauriert. Man hat den 280 Läden ein einheitliches Aussehen verliehen und dabei die historischen Vorlagen übernommen. Die Gassen sind, wie es damals üblich war, mit Quadersteinen gepflastert und dadurch erhält der Markt einen noch sehenswerteren Anblick sowie eine lebendigere Atmosphäre. Das Kupferhandwerk, wurde seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergeführt und ist somit auch vor dem Aussterben gerettet worden. Die Stadt Gaziantep hat in Kooperation mit der Çekül Stiftung für das „Optimierungsprojekt Kupfermarkt“, im Jahr 2007 den großen „Historische Städte“-Preis bekommen. Ich möchte auf diesem Weg allen danken, die dazu beigetragen haben einen Teil des kulturellen Erbes zu erhalten. 

 

Soviel Information für den Anfang. Wo waren wir doch stehen geblieben … die Töne, die immer lauter werden; je näher ich dem Markt der Kupferschmiede komme, verwandeln sie sich zu einer schönen Melodie. Es sind die Töne des Hammers beim Aufschlagen auf das Kupfer„Çin..Çin..Çin..Çinçinçinçin..Çin..Çin (ausgesprochen: “tschin tschin“). Ich werde wohl diese schöneÇinÇin Melodie nie wieder vergessen.

 

In den engen Gassen, sitzen die Kupferschmiede vor ihren Läden, auf niedrigen Stühlen und hämmern das Kupfer mit einer solchen Leidenschaft, dass sie nichts weiter wahrnehmen als das Werkstück, das sie gerade in ihren Händen halten. Es ist ein besonderes Erlebnis, diese Künstler bei ihrer Tätigkeit zu beobachten. Versunken in ihre Arbeit erschaffen sie mit gleichmäßigen und sicheren Bewegungen wahre Kunstwerke.

Auch ist mir nicht entgangen, wie die Händler auf Kundschaft warten, sich dabei mit ihren Nachbarn unterhalten und genüsslich ihren Tee aus einem schlanken Glas schlürfen.

Kaum habe ich einen der Läden betreten, bin ich sofort von den Kostbarkeiten, die von dem Kupferschmied selbst gestaltet und bearbeitet wurden, fasziniert.

Ich kann meine Blicke nicht mehr von den traditionell geformten Tabletts, den Stielkännchen, die zum Kochen von türkischem Kaffee benutzt werden, den Krügen und Schüsseln abwenden.  Es ist schwer zu bestimmen, welches Teil das Schönste ist. Aber eins ist klar, ich werde hier nicht mit leeren Händen rausgehen – am liebsten würde ich den gesamten Laden mitnehmen.

 

Ich grüße den Meister, der vor seinem Laden gerade einen Teller anfertigt und schaue ihm aufmerksam zu.  Es ist fantastisch, wie der Meister mit gezielten Schlägen die Motive einarbeitet, er weiß genau wie er Hammer und Meißel zu führen hat, um das Motiv zu umzusetzen. Ich schaue ihm zu während er hämmert, er blickt auf und bietet mir freundlich einen Stuhl an. Wir beginnen eine Unterhaltung.

 

Meister Mehmet kommt aus Gaziantep und arbeitet seit 1958 auf diesem Markt. Ich bin also an einen echten Fachmann geraten, der zudem noch die Entwicklung der letzten 60 Jahre miterlebt hat. Als der Vater des „kleinen Mehmet“ diesen an die Hand nahm und ihn an einen Meister in die Lehre gab, waren die alltäglichen Gebrauchsgegenstände nur aus Kupfer. Für Meister Mehmet ist das Kupferhandwerk bis heute der Mittelpunkt seines Lebens. Obwohl er schon längst im Rentenalter ist, braucht er die tägliche Arbeit auf dem Markt, die Luft und die Klänge des Kupfers, damit es ihm gut geht. Laut Meister Mehmet ist das Geheimnis seines jungen Aussehens, mit Herz und Seele dabei zu sein und seinen Beruf mit Leidenschaft auszuüben. Er ist der Meinung, das sei der Schlüssel für ein erfülltes und glückliches Leben, auch im hohen Alter.  

 

Die Geschichte des Kupfers in Anatolien ist so alt, wie die Menschheitsgeschichte selbst.Gegenstände aus Kupfer werden schon seit 10 Tausend Jahren von  Menschen hergestellt. Von Meister Mehmet weiß ich, dass die Kupfergegenstände aus Kupfer und einem Teil Messing (Gemisch aus Kupfer und Zink) entstehen. Das Kupfer wird schlagend mit einem Hammer bearbeitet, das Motiv wird auf den Kupfergegenstand skizziert und dann mit dem Hammer und einem äußerst feinen Meißel eingearbeitet. Dies kann Tage oder sogar mehrere Wochen dauern. Man muss schon sehr geduldig sein, um ein fertiges Kunstwerk in Händen zu halten. Diese Methode wurde vor Jahrhunderten in Gaziantep entwickelt. Außerdem werden hier in Gaziantep alle Kupfergegenstände aus einem einzigen Stück gefertigt und sind deshalb besonders solide und widerstandsfähig.

 

„Jeder Meister hat seine eigene Art, mit Hammer und Meißel zu arbeiten“ erklärt mir Meister Mehmet. „Die Motive eines Meisters aus Gaziantep sind einzigartige Unikate“. Leider haben die Menschen angefangen, dem Kupfer untreu zu werden und ihren Haushalt mit Plastikgegenständen und anderen Metallen zu füllen. Nur die ältere Generation benutzt noch Kupfer-Gebrauchsgegenstände, was sich auf das Bestehen des Kupfermarkts negativ ausgewirkt hat. Heutzutage werden überwiegend Accessoires aus Kupfer hergestellt.

 

Die Kupferschmiedemeister in Gaziantep sorgen dafür, dass dieses alte Handwerk nicht ausstirbt. Daher rufe ich jeden dazu auf, diese Künstler zu unterstützen.

 

Besuchen Sie Gaziantep, schauen Sie auf dem Markt der Kupferschmiede vorbei, nehmen Sie sich Erinnerungsstücke mit und zeigen diese ihren Freunden und Verwandten. Sie helfen damit, dieses Traditionshandwerk auch in der Zukunft zu erhalten.

 

Ich beende hier meine Zeilen mit der Çin..Çin Melodie – und vielleicht können Sie den wunderschönen Klang des Kupermarktes jetzt auch hören.

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